Ist Es Möglich In Deutschland „Spirituell“ Zu Sein?

Am 11. und 12. Juni versammelten sich die Teilnehmer der Jewish Experience beim Schabbaton mit dem weltweit bekannten Referenten Doron Kornbluth. Das Thema des Weekends war „Building Strong Relationships“.Wie immer herrschte eine tolle Stimmung beim Schabbat-Tisch und den anschließenden Diskussionen, sodass der lange sommerliche Schabbat schnell zu Ende war. In der Freizeit beriet Doron die Interessenten in ihren privaten Fragen, gab Ratschläge und Inspiration mit auf den Weg.

Doron_KornbluthDoron, der ein bekannter Psychologe und Autor ist (sein vielleicht bekanntestes Buch heißt „Why Marry Jewish?“), der die Jewish Experience bereits zum dritten mal mit seinem Besuch beehrte, setzte sich mit dem Thema auseinander, wie man als einzelner in der modernen Gesellschaft als junger jüdischer Mensch den Anschluss zur Jiddischkeit nicht verliert. Junge Leute, die nach dem Verlassen der Jüdischen Schule oder des Jugendzentrums, den Weg in die Berufswelt einschreiten, verlieren in dem Wirbel des Alltags oft den Bezug zu ihren jüdischen Wurzeln. Erst wenn sie sich später für die Gründung einer Familie entscheiden, spätestens, wenn sie zu Eltern werden und sich Gedanken darüber machen, was sie ihren Kindern mit auf dem Weg geben möchten, besinnen sie sich auf ihre Herkunft, manchmal zu spät, weil die langjährige Lücke im Wissen und der emotionalen Verbundenheit sich nicht so einfach wie gewünscht ausfüllen lässt. Diese Situation anhand zahlreicher Statistiken vor Augen führend, motivierte Doron seine Zuhörer, den Anschluss zum jüdischen Erbe nicht zu verlieren und „spirituell“ zu aktiv bleiben.

Doch wie soll ein junger Mensch, der keine Lust hat, in die Synagoge zu gehen und dort in einer, oft mangels ausreichender Hebräisch-Kenntnisse, fremden Sprache, altertümliche Gebete nachzusagen, einen Bezug zur Spiritualität erhalten?

Doron hat darauf eine Antwort: Man muss mehrspurig an seiner Spiritualität arbeiten.

  • Man nehme sich das Gebet in der Übersetzung vor und versuche den Sinn von dem, was in den Synagogen gelesen wird, zu verstehen. Man widme sich regelmäßig etwas Zeit dafür, um den Inhalt und Bedeutung der jüdischen Gebete zu verstehen.
  • Das reicht aber allein nicht aus. Wer hat gesagt, Spiritualität gibt es nur in der Synagoge, nur beim Gebet, im Fasten oder der Abstinenz? Auch wenn diese Vorstellung vielen Religionen zu Eigen ist, ist sie dem Judentum jedenfalls absolut fremd. Die jüdische Spiritualität ist gerade nicht in der Enthaltung zu suchen. Die bunte Palette des Judentums bietet viel Raum auf eine irdische Art und Weise, die Spiritualität zu erleben, wenn man sich mit anderen jüdischen Leuten trifft, zusammen Schabbat und die jüdischen Feste zelebriert, sich in wohltätigen Projekten engagiert und anderen Menschen hilft. Die einen können dies in ihrer Gemeinde verfolgen, die anderen gehen in die Krisenregionen. Das Wichtigste ist, dass man den Geist und die Werte des Judentums immer mit sich trägt.

Die Idee von Doron ist ziemlich einfach: Jiddischkeit ist nicht etwas, was nur in einen Lebensabschnitt gehört, sie ist das Engagement, sie ist das Leben selbst!

Ich bin sehr gespannt über deine Eindrücke über Spiritualität  zu hören. Denn eins ist sicher, als Jude „spirituell“ zu sein ist keine einfache Aufgabe, und schon gar nicht in Deutschland. Ich freue mich auf Deine Anregungen und Vorschläge.

Alles Liebe, Polina.