2 Sivan 5772 - Wednesday, 23 May 2012
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Grußwort

Allen unseren Lesern und Leserinnen wünschen wir ein Chag Pessach kascher vesameach. Mögen wir alle schon baldmöglichst die wahre Erlösung zusammen in Freude und Gesundheit erleben.

Torah_scrollEin Gedanke zum Pessach-Fest

Wie kommt es, dass viele Juden, die das ganze Jahr nicht alle Mitzwot halten, dennoch den Sederabendfeiern? Warum ist dieser Abend so anders als allea nderen Abende, dass er fast zum Nationalfeiertag geworden ist? Der Talmud erörtert die Meinungsverschiedenheiten, wie die Haggada zusammenzustellen sei. Man ist sich einig, dass man mit dem Unglück der Nation beginnen muss, aber fragt sich, wo man in der Geschichte beginnen soll. Fängt das Exil schon an, als Jakow bei Lawan war, der versucht hat, ihn zu töten? Oder lag der Beginn des wahren Exils beim sich in Ägypten Niederlassen?

 

Die Hintergründe des Disputs liegen in den verschiedenen Ansätzen, wie man die Verse über die Mitzwa des Haggadalesens verstehen kann. In unserer Haggada sind allerdings beide Ansichten aufgenommen. Wir erzählen sowohl die Geschichte von Jakow als auch natürlich von der Sklavenarbeit, die wir in Ägypten leisten mussten. Die Reihenfolge, in der diese beiden Geschichten erzählt werden, spielt auch eine Rolle. Chronologisch liegen die Ereignisse von Jakow bei Lawan vor der Sklaverei in Ägypten. Aber die Haggada beginnt mit der Zeit der Versklavung und erst danachwird erzählt, wie Lawan uns vernichten wollte. Um dies zu verstehen, geben uns unsere Weisen eine  Parabel, die das Bild zeichnet, wie unsere Situation in Ägypten war und wie in der Zeit davor. Die Rettung, die wir bei der Gefahr durch Lawan und im ägyptischen Exil erlebt haben, legte die Basis für die Geburt des jüdischen Volkes. Vor jeder Geburt eines Kindes gibt es die Zeugung, auf die man keinen Einfluss hat und wo auch keine Erziehung möglich ist. Man kann nur nach der Geburt schauen, dass sich das Kind gesund und richtig entwickelt, so dass man es später erziehen kann. Dannerst beginnt die wahre Arbeit.

Obwohl die Geburt der Nation in Ägypten stattfand, lag doch der Anfang in G“ttes Aufforderung an Awraham, sein Heimatland zu verlassen und nach Eretz Jisrael zugehen. Damals wurde die Nation „gezeugt“. Diese beiden Perioden im Aufbau der Nation sind gleich wichtig, doch unterscheiden sich ihre Herausforderungen stark voneinander. Wie beim Menschen waren die äußerlichen Einflüsse bis zur Geburt minimal und G“tt gab der Nation einseitig von sich selbst. ER hat Awraham ausgesucht und ihn zum Stammvater gemacht. Die Geburt hingegenhat eine große Offenbarung Seinerseits mit sich gebracht, die sich äußerlich vollzog. Das „Kind“ selbst musste zu seiner Erziehung beitragen. Denn es gab zu diesem Zeitpunkt schon Gesetze, die dem Menschen eine innere und unabhängige Verbindung zu G“tt gegebenhaben. Nur derjenige, der das Pessachopfer dargebracht und dessen Blut an seine Türen gestrichen hatte, wurde gerettet und aus Ägypten geführt. Wir haben die Mitzwot,um mit ihnen eine direkte Verbindung mit G“tt aufzubauen, aber sie bilden gleichzeitig eine Hürde für denjenigen, der sie nicht macht. Denn das Gefühl der Verbindung wird immer wieder von der Andacht des Ausübens der Mitzwot abhängen.

Am Sederabend feiern wir beides: die Zeugung und die Geburt unserer tiefen Verbindung zu G“tt. Die ersteVerbindung erfolgte ohne Erziehung und Gesetze. Daher istes für einen Menschen unmöglich nachvollziehbar, was siewirklich bedeutet. Erst als wir Gesetze bekommen haben, ergab sich ein Bild, was sie in sich trägt. Mit unserem menschlichen Verstand können wir nicht verstehen, warum G“tt uns durch Awraham ausgesucht und zur Nationgemacht hat. ER wollte das jüdische Volk, weil es nurdurch uns möglich wird, die ganze Welt zu ihremvollkommenen Ausdruck und Zweck zu bringen. Als wir dieTora bekommen haben und erkannt haben, dass wir einebesondere Verpflichtung haben, gab sie uns den Ansatz zuverstehen, dass wir wirklich das auserwählte Volk sind. Dies ist der Grund, warum wir in der Haggada zuerst die Geschichte in Ägypten erwähnen, bevor wir auf Awraham zu sprechen kommen. Denn erst nach dem Auszug aus Ägypten, wo wir das Konzept von Mitzwot erlebt haben, wurde uns dadurch die tiefe Verbindung zu G“tt gezeigt, die aber schon viel früher begonnen hatte. Pessach ist ein Fest mit vielen Gesetzen und Ritualen, aber sie sind es nicht, was das Fest ausmacht. Der Rahmen des Festes ist das Entstehen unserer Nation. Jeder Jude, gleichwelchen Hintergrunds, ist ein Teil dessen und feiert daher diesen besonderen Tag.

Die Haggada befasst sich mit den vier verschiedenen Söhnen. Warum geben wir gerade an diesem Abend allen vier Söhnen genau eine Antwort, die für ihn wichtig und zutreffend ist? Darin zeigt sich noch viel deutlicher, wieman alle in die Nation einbezieht. Wir können es nicht verantworten, das „böse Kind“ auszuschließen, denn aucher ist ein Teil von uns, der von G“tt ausgesucht wurde, diese Welt zu ihrer Bestimmung zu bringen. Diese Atmosphäre wollen wir an diesem Abend erreichen. Ein Gefühl, das uns das ganze Jahr hindurch prägen wird, dass jeder von uns Teil hat und wir nur zusammen unser wahres Ziel erreichen können.

„Biographie“ der Woche

Rabbi Joseph Ber Soloveitchik - The Rav, Jahrzeit 18. Nissan

Rabbiner Joseph Ber Soloveitchik wurde 1903 im damals in Russland liegenden Pruzhany geboren. Er entstammte einer illustren Rabbinerfamilie: sein Urgroßvater war Rav Yosef Dov Soloveitchik, der Beis Halevi, und sein Ururgroßvater war Rav Naftali Tzvi Yehuda Berlin, der Netziv. Er erhielt eine traditionelle jüdische Erziehung und zeichnete sich sowohl darin als auch in weltlichen Fächern aus. 1922 machte er in Dubno Abitur und studierte danach in Warschau und Berlin, wo er 1930-32 promovierte. Im Berlin der Zwanziger Jahre studierten auch Yitzchok Hutner, der spätere Rosch Jeschiwa von Yeshivas Rabbeinu Chaim Berlin, und der spätere Lubavitcher Rebbe Menachem Mendel Schneerson, mit denen Rav Soloveitchik auch später verbunden blieb.

1932 ließ er sich in Boston/Massachusetts nieder und ordinierte als Leiter von RIETS, dem rabbinischen Zweig der Yeshiva University in New York, von 1941 bis zu seinem Tod mehr als 2000 Rabbiner. Er unterrichtete nicht nur dort, sondern schrieb auch eine Vielzahl von Büchern, von denen „Halachic Man“ besonders bekannt ist. Er legte das Fundament für den Teil des orthodoxen Judentums, das als „Modern Orthodoxy“ bezeichnet wird, in dem eine Verbindung zwischen einem Leben mit Tora und Mitzwot und der gleichzeitigen Beteiligung am sekulären Leben angestrebt wird. Dazu kann eine Ausbildung an weltlichen Universitäten gehören sowie eine anschließende Berufstätigkeit. Als Gründer der „Maimonides School“ in Boston zeigte er schon im Jahr 1937 einen Weg auf, wie seine Grundsätze inder Schulausbildung von Jungen und Mädchen umgesetzt werden können.

Für Rav Soloveitchik war das Studium der Tora und des Talmuds das wichtigste Element im Leben eines Juden. Er gab nicht nur Schiurim als Rosch Jeschiwa von RIETS. Seine öffentlichen Schiurim zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur, bekannt als Kinus T’shuva, zogen Tausende von Torastudenten aus dem gesamten jüdischen Spektrum als Zuhörer an. Viele seiner Schiurim wurden von seinen Schülern mitgeschrieben und später veröffentlicht. Sie sind durchwirkt von seinem großen talmudischen Wissen und beeindrucken den Leser so wie damals seine Zuhörer von den Einsichten dieser Toragröße.

The Rav starb 1993 in Boston. Seine Kinder und Enkelkinder führen seine Gedanken als Rabbiner und Hochschullehrer in den USA und Israel fort. 

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