Paraschat Yitro

Die Parascha in Kürze
  • Mosches Schwiegervater Jitro kommt zu Besuch und wird von Am Israel herzlich empfangen
  • Jitro installiert ein mehrstufiges Gerichtssystem
  • Das Volk Israel kommt zum Berg Sinai und Mosche bereitet es auf die Übergabe der Tora vor. Er befiehlt ihnen. sich zu reinigen und sich vom Berg Sinai fernzuhalten
  • Am Tage der Übergabe offenbart sich G’’tt in all seiner Größe, mit Feuer kommt Er auf den Berg und übergibt die Tora. Erst werden die zehn Gebote gegeben und danach lehrt Er Mosche die gesamte Tora

„Dwar“ der Woche

Schemot (18:8-9) „Mosche erzählte seinem Schwiegervater alles, was G"tt an Pharao und Mizrajim in Veranlassung Israels getan hat[...] Jitro freute sich über all das Gute, welches G"tt Israel getan hat, dass Er es aus der Hand Mizrajims gerettet hat" Raschi zitiert einen Midrasch, der das Wort „wajichad" nicht als Freude übersetzt, sondern, im Gegenteil, als Hautfalten. Dies bedeutet, dass Jitro Gänsehaut bekommen hat, weil er über den Untergang Ägyptens getrauert hat. Die Tora sagt uns an anderer Stelle, dass wir uns nicht einmal über den Fall unserer Feinde freuen dürfen, da diese auch Geschöpfe G"ttes sind. Aber bei Jitro ging es noch einen Schritt weiter. Nicht nur, dass Jitro sich nicht über den Fall Ägyptens gefreut hat, sondern er war auch noch traurig darüber. Weshalb hat er so einen Schmerz gespürt? Der Anaf Josef erklärt, dass Jitros Schmerz nicht allein mit dem Untergang Ägyptens verbunden war, sondern auch mit seinem Übertritt zum Judentum zu tun hatte.

In einer Zeit, in der Nichtjuden die Welt regieren und das jüdische Volk verfolgt oder in den Augen der Weltöffentlichkeit abgewertet wird, ist es ein spezielles und großes Ereignis, wenn ein Nichtjude dennoch zum Judentum übertritt. Es verdient viel Anerkennung, da ein Proselyt ja eigentlich sein ganzes Leben hinter sich lässt und manchmal auch Familie und Freunde ihm den Rücken kehren. Er muss sein Leben praktisch von Neuem beginnen. Aber nach dem Auszug aus Ägypten, als Jitro übergetreten ist, hatte doch das jüdische Volk die Oberhand. Jeder hat mit eigenen Augen sehen können, wie das jüdische Volk zu Größe aufgestiegen war. Spätestens als Mosche seinem Schwiegervater Jitro über die Wunder der Spaltung des Meeres und über den Sieg über Amalek erzählte, fühlte Jitro, dass sein Übertritt unter diesen Umständen gar keine so große Anerkennung verdient hatte. Dies trug zu seinem Schmerz bei. Die Lehre, die wir hieraus entnehmen können, ist, wie vorsichtig wir mit der Bewertung der Leistung anderer umgehen sollten. Auch nur den kleinsten Schritt in die richtige Richtung sollten wir anerkennen und schätzen. Das gilt natürlich auch für unsere eigene Leistung!

„Midrasch“ der Woche

„So sprich zum Hause Jakow und sage den Söhnen Israels.“ Warum, fragt der Midrasch, sagt Haschem nicht bei der Verkündigung der Tora am Sinai direkter: „Sprich zum Volk Israel“, sondern unterscheidet zwischen „Haus Jakow“ und „Söhnen Israels“? Mit „Haus Jakow“, so lernen wir, sind die Frauen gemeint. Die Frau bekommt den Ehrentitel „Haus“, denn sie ist im Haus dominant. Sagt doch der Amora Rabbi Jossi so schön, dass er sich an seine Frau nur mit dem Kosenamen „mein Haus“ gewendet hat. Dies aber nicht (nur), weil die Frau auch für das leibliche Wohl ihrer Familie sorgt, sondern weil sie das Leben und die Atmosphäre im Haus bestimmt und lenkt.

„Sage den Söhnen Israels“ ist demnach in erster Linie an die Männer gerichtet. Aber warum wendet sich Haschem zuerst an die Frauen? Rabbi Tachliva von Kisrin erklärt dies folgendermaßen: Haschem sagt zu Mosche: als ich die Welt erschuf, gab es nur Adam, dem ich befahl, nicht von den Früchten des Baumes des Lebens zu genießen. Erst später erschuf ich die Frau, und Adam lehrte sie dieses Gebot. Weil Chava das Gebot nicht direkt von mir hörte, empfand sie auch nicht die ernste und tiefe G“ttesfurcht. Sie ließ sich von der Schlange verleiten, aß von der verbotenen Frucht und auch Adam ging den Weg seiner Frau.

Haschem sagt hier zu Mosche am Sinai: Wende Dich erst an die Frauen, Haus Jakow, und frage sie, ob sie die Tora erhalten und einhalten wollen. Von dem Geschehen zu Adams Zeiten weiß ich, dass es die Art der Männer ist, auf ihre Frauen zu hören. Vergewissere dich erst bei ihnen, dass sie die Tora empfangen und daran festhalten wollen, und dann wende dich an die Männer. Midrasch Schmot Rabba 28:2

„Konzept“ der Woche

Diese Parasha kann man eigentlich in zwei Teile teilen: die Ankunft Jitros, Moses’ Schwiegervater, und die Übergabe der Tora. Unsere Weisen sind sich nicht darin einig, ob Jitro wirklich vor der Übergabe der Tora gekommen ist oder erst danach. Aber die Tora beschreibt zuerst die Ereignisse um Jitro und dann die Ankunft am Berg Sinai. Warum wurde die Geschichte von Jitro als Vorwort in der Tora geschrieben?

Jitro kommt zu den Juden in die Wüste und sieht, wie sie jeden Tag sehr lange warten müssen, um Mosche Fragen stellen zu können und ihn Streitigkeiten schlichten zu lassen. Er sieht dies als fehlerhaftes Verhalten seitens Mosche an. Die Ehre eines Menschen gebietet, ihn nicht so lange warten zu lassen. Jitro rät seinem Schwiegersohn, ein Gerichtssystem zu errichten, wo jeder in verschiedenen Instanzen seine Probleme vorbringen kann. Nur die schwierigsten Fragen sollen vor Mosche ausgebreitet werden. Ist es nicht seltsam, dass Jitro als gerade angekommener Gast und konvertierter Jude sofort Kritik übt? Als Jitro vom Auszug aus Ägypten erfährt, sagt er: „Jetzt weiß ich, dass G“tt der größte aller Götter ist.“ (18:11). Raschi erklärt uns, dass nur Jitro so etwas sagen konnte, weil er sein ganzes Leben lang alle Götter studiert und ihnen gedient hatte. Erst dann entschied er jeweils, dass er durch sie nicht auf dem richtigen Weg war. Auf diese Weise wollte er zur Wahrheit vordringen. Jitro war ein kritischer Mann, der sich nicht scheute, seine Meinung gegen Religionen zu sagen, die er für falsch hielt. Ein Mensch, der zeitlebens die Wahrheit durch Kritik gefunden hat, darf andere kritisieren.

Das ist eine sehr wichtige Vorbereitung auf den Empfang der Tora. Jeder muss genügend Selbstkritik aufbringen, die Richtigkeit seiner Wege immer wieder zu überprüfen. Das lernen wir von Jitro..

Mit freundlicher Unterstützung von HaMakor.de und Rabinner Aron Orzel